Donnerstag, 18. Mai 2006

Viana - Logrono - Navarette***** 18. Mai 2006 *****

Nach solch einem Kurzstopp ging’s dann durch dick und dünn weiter und durch die Hitze. Ich machte einen Fehler. Den überhitzten Körper kühlte ich bei Ankunft an einem Zielort mit einem Liter eiskalten Sturzbier von innen und von außen mit kaltem Wasser der Hotelbadewanne. Die Quittung bekam ich in der Nacht. Schüttelfrost ließ mich kaum schlafen. Ich simulierte. Mir schwirrten die sonst so gern gesuchten Wegesmuscheln durch den Kopf, von denen ich nichts mehr wissen wollte, genauso wie die kleinen himmelwärts stehenden Pyramiden. Mir war kotzelend. Die freundliche Dame vom Empfang hatte Aspirin. Ich nehme sonst kaum Medizin. Hier tat ich’s und stellte fest, wie sie helfen kann. Als Naturbursche hatte ich natürlich keine Medizin dabei. Das werde ich ändern und habe deswegen schon einen entsprechenden Passus in meine Rucksack-Checkliste eingefügt. Mir fehlte in der Nacht eine langärmelige Jacke, eine dicke lange Hose. (Zwischenzeitlich kaufte ich das.) Ich fror unter der Sommerdecke. Nichts konnte mich wärmen. Die Nacht überstand ich jedoch. Das Frühstück war in diesem Hotel annehmbar. Da ich gewohnt bin, trotz eines Wehwehchens zu arbeiten, blieb ich nicht in dem Hotel, sondern wanderte weiter. In meinem Notariat und vorher in der Anwaltskanzlei bzw. zuvor als Geschäftsführer fehlte ich nie wegen Krankheit. Arbeit kann über solche hinwegbringen und Arbeit mag ich. Sie lenkt mich stets von körperlichen Missständen ab. An meinem Schreibtisch entspanne ich mich mehr als im Garten. Lieber 8 Stunden im Büro als 2 dort. Ich testete schon viele Grenzen aus, so auch an jenem Morgen, wo mich die Piste wie magisch anzog und mir auf die Beine half. Die spannendsten Geschichten schreibt die Wirklichkeit.

Beim Gehen sah ich dann die kleine Eidechse über den Weg huschen, bemerkte an einigen Stellen die tiefen Spuren rechts und links des Mittelstreifen, die Wagenräder in den Weg gruben, sah den abgerutschten Hang. Alles verarbeitet ich sogleich, dafür mal eben stehen bleibend, um das Gesehene schnell auf dem Block festzuhalten. Manchmal musste ich mich sputen, um Mitläufer wieder einzuholen. Mir machte etwas auch die Sonne zu schaffen, denn ich lief ohne Hut. Vergeblich hatte ich ihn mehrfach in meinem Rucksack gesucht, ich war mir sicher, er musste darin sein, da ich glaubte, ihn eingepackt zu haben. Während der ganzen Tour suchte ich ihn immer wieder. Da ich ihn nicht fand, schützte mich nur mein dichtes, typisches Nahrath-Haar. Der Hut tauchte daheim wieder auf. Er war tatsächlich im Rucksack! Es gilt auch hier: was man nicht im Kopf hat, sollte man aufschreiben! Doch der Knautschhut hatte sich unsichtbar gemacht. Wieso, frage ich mich nun, sollte ich den Hut nicht tragen. Vielleicht hätte ich mit ihm zu pilgermäßig ausgesehen? War ich, der ich ohne religiöses Motiv rein aus sportlicher Neigung lief, seiner nicht würdig?


Auch ein Langsamer
erreicht wie Schnelle das Ziel,
- wenn er es erreicht.

Ihr, meine Füße,
schadet keinem Tier vor euch
wie ihr will’s leben.

Ein Schmetterling, weiß,
nach emsigem Zickzackflug,
stoppt an sattem Blau.

Zwischen den Zehen
werden die Blasen größer.
Die Füße schmerzen.

Diese Strapazen,
wie kann man sich das antun,
wer ist so bekloppt?!

Wer frisst freiwillig
in Hitze Kilometer?
Was suche ich hier?

Herbergen sind gut
zum Glück gibt’s auch noch Hotels
sonst gönnt man sich nichts.

Den heißen Körper
kühlte die Badewanne
geläutert der Geist.

Schüttelfrost plagte
den Frau Aspirin vertrieb.
Jeden erwischt’s mal.

Statt Hut waren meine drei Blasen sichtbar. Die vor Ort gekauften Pflaster erwiesen sich als nutzlos. Sie verkrümelten sich beim Laufen. Vielleicht lag das an der Salbe, denn jeden Morgen cremte ich mir meine Füße satt mit Melkfett ein. Darüber zog ich die immer gleichen, ungewaschenen, dicken Wollsocken. Sie stellte ich abends auf dem Fensterbrett ab, wo sie ungestört vor sich hin miefen konnten. Nicht liegend, sondern stehend genossen sie vor mir in der Frühe den Blick nach draußen. Das Melkfett stimmte jedoch meine dicken Hornhautschwielen milde. Glück kann jeden treffen. Ganz schön raffiniert, dieser Eincrem- Vorschlag von Vorläufern. Die Wanderstrümpfe, die sogar stehen konnten, aber nur mit mir laufen, stanken wirklich erbärmlich. Sie entsorgte ich vor dem Rückflug. Zum Glück roch niemand während des Wanderns an meinen Füßen und abends wusch ich mich gründlich. Daheim bin ich gewohnt, alles täglich zu wechseln. Man wird als Wanderer bescheiden. Das betrifft auch die Hygiene. Immer noch lernfähig zu sein, stellte ich ebenso fest.

Einen weiteren Rat nämlich befolgend, hatte ich in meinem unergründlichen, bis zum Schluss noch manches Geheimnis wohl behütenden Rucksack, Rei in der Tube. Was das ist, erfuhr ich von Helga vor der Übergabe, nämlich flüssiges Waschpulver. Es ist in einem größeren Ausdrückbehältnis versteckt. Man schmiert es, wenn dringend nötig, auf ein zuvor nass gemachtes Kleidungsstück, das dringend der Reinigung bedarf, und rubbelt das dann unter dem Kran sauber – soweit es geht. Dann wringt man es aus, wickelt es in ein Handtuch und quetscht es noch mal kräftig. So ließ ich es mir von, ich glaube, sie wurde von ihrer Düsseldorfer Gruppe Tresken gerufen, erklären. Morgens sollte ich das so behandelte Kleidungsstück dann am Rucksack befestigen. Dort könnt’s gemütlich, praktisch in der Sonne trocknen. Gesagt, getan. Nun baumelte, es ging schon auf Mittag zu, neben dem Schweiß-Küchentuch noch die Unterhose, Schießer Weiß, gerippt, mit Eingriff; weit leuchtend auf dem Rückenteil. Als die Ersten mich belustigt überholten, verschwand die Bollerbuchse noch nass hinter einem der Reißverschlüsse. Beim abendlichen Ausräumen fand ich sie trocken, aber steif vor. Das verwunderte mich. Als ich’s beim Pilgermenue erzählte, wurde mir ein verheimlichter weiterer Reinigungsschritt bekannt. Man muss das beste Stück nach vorbeschriebenen Gebrauch noch gründlich ausspülen, wie beim Zähneputzen und sonst so. Die Tube Rei begegnete mir dann nicht mehr. Erst im erzgebirgischen Bockau fand ich sie ganz tief versteckt neben dem Knautschhut auf dem Rucksackboden. Nie zuvor in meinem Leben brauchte ich zu waschen, außer durch Knopfdruck auf Befehl. Das sei Frauensache, wurde mir überzeugend beigebracht. Daran glaube ich eigentlich bis heute noch. Ob es so bleibt?

Im Pilgerausweis
sammeln sich bunte Stempel -
sieht so einfach aus.

Viele Strapazen
verzeichnen meine Muskeln -
so wie die Seele.

Mit dem gleichen Ziel
vereint das Sprachengemisch
geleitet vom Geist.

Der Körper speichert
des Weges Sonne und Kraft -
bis zum Umfallen.

In Viana ist der Sohn des Papstes Alexander VI., Cesare Borgia, beigesetzt. Da er skrupellos war, liegt sein Grab vor der Kirche Santa Maria. Wo liest man schon, dass der Papst ein Kind hat?

Folge deinem Pfad./Er führt dich wohin du sollst./Nichts ist un-bestimmt.

Vorbei an einem Stausee, an dem ein Ornithologisches Observatorium liegt, ging der Weg. Das hielt meine Wanderung nicht auf. Ein kleines Kiefernwäldchen fesselte mich mehr. In Erinnerung von der nächsten Stadt, der Regionalhauptstadt Logrono, blieb mir der Pilgerbrunnen. Er liegt vor der Santiago Kirche. Ein Standbild des Maurentöters über deren Portal wird als wichtig im Reiseführer hervorgehoben. Heidi aus München, die mich auf den Weg letztendlich aufmerksam machte, empfahl mir auch das Buch „Leben im Jetzt“ von E.Tolle. Überzeugend führt er aus, man solle nicht am Gestern festhalten und das Morgen beherrschend werden lassen. Zum Brennpunkt des Lebens solle man allein das Jetzt machen. Nicht nur deshalb würdigte ich dem Mörder von damals keines Blickes, sondern genoss in tiefen Zügen den Moment des Trinkens. Dabei spürte ich, wie erfrischend das Wasser war, wie es mir Lebenskraft zurückgab.

Zu der Quelle ging es einige Stufen herunter. Erleichtert hatte ich zuvor auf der Mauer meinen Rucksack abgestellt. Ich war kaputt! Doch seit dem ziere ich ein japanisches Album. Ein Pärchen von dort fragte, ob sie mich ablichten dürften. Wahrscheinlich werden sie daheim von dem Pilgerschreck mit der großen, sonnengeröteten Nase japanisch breit berichten. Nebenbei: Die Begleiterin des Fotographen toppte mich um Längen im Bereich Wäsche machen. Sie trug - neben einem ihr permanent lächelndes Gesicht fast verdeckenden Schlapphut - hinter dem Rucksack ein auf ihn abgestimmtes Wäsche-Ständer-Gestell! An den verschiedenen Stangen baumelte, gehalten von richtigen Wäscheklammern, modisches Unterzeug. Die kleine Dame hatte, wie ich anerkennend feststellte, unten herum Geschmack. Wie alle dort sehen konnten, steht man offensichtlich in Japan oben und unten auf Triumph. Was ich zuvor schon mal in der Presse gelesen hatte, sah ich vor dem frommen Gotteshaus bestätigt. Im März 2004 schrieb ich schon folgendes Gedicht zu einer Reklame vorgenannter Firma:

Triumph zieht sie an./Mancher zög sie lieber aus./Ist Ansichtssache!

Einen Monat später formulierte ich ein weiteres. Es passt nicht so gut zum Weg. Deshalb gebe ich es hier nicht wieder. Schmunzelnd las ich es eben. Logrono, es hat 124.000 Einw., fand ich ätzend. Als ich las, der Weg führe durch ein Industriegebiet, beschloss ich, zum Busbahnhof zu laufen. Es dauerte mindestens drei km, bis ich dort ankam. Vielleicht verlief ich mich auch. Man hatte mich einmal in die, dann in jene Richtung geschickt. Mein Wörterbuch Spanisch verstand keiner so richtig. Einen Teil des weiteren Weges legte ich nun im Bus zurück.

Wer sich überschätzt/sollte dies eingestehen./Fehler macht jeder. In Navarette stieg ich aus. Ein Stempel beweist meine Ankunft dort.


Gedanken kommen
mit totaler Erschöpfung.
Verdrängtes spült hoch.

Schmutzige Wäsche
nimm sie wie andere an,
niemand ist allein.

Was zu tun ist, tu,
verschieb es nicht auf morgen.
Der Weg gibt dir Kraft.

Alles, was passiert
es geschieht nach einem Plan,
der unbegreiflich.

Mein Rucksack wog über 12 kg. Das war viel zu schwer. In irgendeinem Ort vor meinem Schüttelfrost schickte ich drei Kilo nach Hause. 39,- € kostete das. Das Postamtzimmer, so sahen die bei uns noch nicht mal vor 50 Jahren aus, war gleichzeitig eine Filiale der DEUTSCHEN BANK! Wie weit sind wir gesunken, dachte ich, dabei die schicken Paläste dieses Geldinstitut bei uns im Auge habend. Ich schickte den Schlafsack heim, ein Buch, den, wie ich glaube, überflüssigen Pullover und Schmutzwäsche. (Nach über 14 Tagen kam’s an, da war ich schon längst wieder am Arbeiten.) Wenn ich jedoch zukünftig nur insgesamt 9 kg schultern möchte, bleibt mir nichts anderes übrig als alle zwei Tage zu waschen. Die Durchgeh-Orte haben meist keine Bekleidungsgeschäfte, in den der Bedarf an Altwäsche ersetzt werden könnte. Außerdem ginge das auf die Urlaubskasse. Das Pilgermenü entfiele. Ich würde zu dünn. Würde als kraftloser Strich in der Landschaft nichts mehr darstellen. (Beim Klamottenkauf verblüffe ich die Verkäuferinnen mit dem Satz, ‚das Hemd -zum Beispiel- solle groß genug ausfallen. Ich kaufte stets auf Zuwachs, hätte nicht die Absicht, schlanker zu werden.’ - Auf dem Weg wurde ich’s, wie ausgeführt.) Also, die Rei-Tube kommt beim Nächsten mal oben auf. In Pilgerherbergen gibt’s sogar manchmal Waschmaschinen, las und hörte ich von Mitpilgern.

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