Montag, 15. Mai 2006

Gedichte zum Jakobsweg 2006

Gedichte und Gedanken zum Camino 2006/1 auf der Wanderung

Wanderung über den Jakobsweg 2006

I.

Zwischen- Vorbemerkungen zu den Tagesgedanken
in japanischer Versform
*****15. Mai 2006*****

Im Mai 2006 machte ich mich erneut auf der gleiche Flugroute allein nach Spanien auf. Im Gegensatz zur ersten „Schnuppertour“ ging’s durch zum letzten Endpunkt Estella, das heißt von Bilbao-Airport mit dem Zubringerbus zum Stadtbusbahnhof, dort stieg ich um in den Bus nach Pamplona, von da ging’s gleich weiter nach Estella. So kam ich am Flugtag ohne Zeitverlust zum neuen Startort. Dort übernachtete ich im alten Hotel.

Vor dem Abflug in Leipzig

Herrlich das Lila,
prächtig die Fliederblüten,
über der Parkbank.

An Rapsfeldern stehn
einige Bienenstöcke,
drüber ein Flieger.

Probleme schrumpfen
wenn der OP-Tisch ansteht.
Ganz nah rückt dann Gott.
Vielfach denken wir,
wir könnten Schicksal lenken.
Im Dunst bleibt der Weg.

Wieder begleitete mich der Notizblock. Die Gedanken vor dem Abflug in Leipzig fanden sich als erste ein. Die Parkbank vor einem Krankenhaus animierte, später am Abend die spanischen Busbahnhöfe. Sie sind praktisch, mit Schaltern, Toiletten, Schließfächern und Kiosken eingerichtet. Unter deren Dachverstrebungen gurrten, geschützt vor Wind und Wetter, Tauben. Wer achtet schon auf die? Ich beobachtete das, sah mir andere Wartende an, schaute in deren Gesichter, überlegte, warum die Pilger wohl den Weg gingen, welche Motive sie hatten. Vielleicht religiöse? Wollten sie eine Herausforderung annehmen, wollten sie einfach nur ausbrechen, abschalten? Viele Einzelwanderer gab’s, auch Gruppen, kaum Pärchen, wohl ältere Ehepaare. Manche Einzelwanderer fanden sich unterwegs und gingen, wenn sie miteinander zurecht kamen, eine Strecke oder mehrere gemeinsam weiter. Bei allen Unterhaltungen stellte ich fest, dass die Beweggründe der Einzelnen völlig unterschiedlich sind. Eins verbindet alle, der Weg, seine Schwierigkeiten, seine Herausforderungen, seine Höhepunkte, seine Quälereien. Und, die gleiche Richtung.


Von Pamplona nach Estella

Auf dem Glasdach sitzt
weiß klecksend eine Taube.
Geschafft der Nestbau.

Weiß ist die Taube,
die im Busbahnhof nistet.
Dort, im nirgendwo.

Krümel des Baguettes
unter einer Wartebank
werden weggepickt.

Die Flugentfernung
schafft eine Distanz im Raum -
doch keine Trennung.

Ein Ehepaar fiel mir in Pamplonas Busbahnhof wegen ihrer schweren Rucksäcke auf. Ich begegnete ihnen im Laufe meiner Wanderung dann noch mehrfach. Sie hieß Josefine und Francois. Lustig waren die zwei, etwas jünger als ich, aber schon Rentner. Zum Schluss gaben die beiden Franzosen vorzeitig wegen einer Krankheit von ihr auf. Dabei hatten sie vor – im Gegensatz zu mir – durchzulaufen. Sie legten die Strecke von Pamplona nach Estella mit dem Bus zurück. Einen Bus nutzen viele Pilger mal zwischendurch, obwohl die meisten behaupten, sie würden ganz durchmarschieren. Das mag bei einigen stimmen. Doch wenn Pilger kaputt sind, lassen sie sich gerne mal fahren.

Die Erwartungen,
Die nicht eintreten, beschwern.
Was kommt, ist bestimmt!

Den sicheren Fuß
kann ein winziges Steinchen
zum Stolpern bringen.

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