Sonntag, 21. Mai 2006

Auf dem langen Weg/erfahr die Weite der Welt,/groß ist das Kleine.

Santo Domingo de la Calzada - Redecilla del Camino - Belorado

Auf dem langen Weg/erfahr die Weite der Welt,/groß ist das Kleine./

Wenn man ihn nicht mag, braucht man ihn nicht zu gehen. Jeder Pilger tut das freiwillig. Jederzeit kann er abbrechen. Trotz aller Schwierigkeiten geht er weiter, es sei, eine Krankheit zwingt zur Aufgabe. Mir begegnete ein Arzt aus Hamburg. Helmut erfroren fast Zehen im Schnee der Berge. Er lief in diesem Jahr von dem Ort weiter, wo er letztlich aufhören musste. Heidi aus München, etwa in meinem Alter. bekam vor mehren Jahren auf dem Weg einen Hörsturz. Sie lief trotz der Proteste ihrer Familie dieses Jahr wieder. Ich hätte mehrere von ihnen fotografieren sollen, nicht nur die tolle Landschaft. Von ihr geht etwas Faszinierendes aus. Dazu kommen noch die Kleinigkeiten, die mir auffielen und auf meinen Zetteln festgehalten wurden. So z.B. die kilometerlangen Betonröhren zwischen den Feldern. Durch sie führen die Bauern das kostbare Nass von entfernten Wasserstellen heran. Wer durch diese trockene Landschaft läuft, weiß wie lebensnotwendig nicht nur für uns das Wasser ist.

Sauber und adrett,
der Herbergswirt war Deutscher.
Gibt’s den Unterschied?

Er gibt ihm zurück
was ihm Gutes widerfuhr
an Gleichgesinnte.

Kein Pilger vermisst
jemals die Weltnachrichten -
in ihm ist alles.

Najera ist ganz nett. Das Restaurantessen war ok. Von Azofra blieb nichts haften. In Santo Domingo de la Calzada erstaunten mich die vielen nistenden Störche auf den Kirchen. Die Gemeinde am Rio Oja war ansprechend, auch die Herberge. Die Restaurant Chefin scheuchte ihren Mann, der mir und andern Pilgern erst ab 20 Uhr was zu Essen geben wollte. So konnte ich meinen leeren Magen schon vor 19 Uhr mit Fisch füllen. Überall entlang des Weges wunderte es mich stets, dass es ein reichliches Fischangebot gab. Es stammte weder hier noch anderswo aus Niedrigwasser führenden Flüssen, sondern wie sonst auch, aus dem Meer. In diesem Übernachtungsplatz erlebte ich die erwähnte Hochzeit. Weil der Ort mal Bischofssitz war, wird die Kirche als Kathedrale bezeichnet. Dem hochtrabenden Namen wird sie nicht gerecht. Auch nicht unter Berücksichtigung, dass sie Grabstätte des Stadtgründers, des Heiligen Domingo de Viloria ist, bzw., vielleicht als einzige Kirche auf der ganzen Welt, lebende Hühner beherbergt. Es kommen sonst viele in dies sehenswerte Gotteshaus, die sind aber nicht in einem gotischen Käfig eingesperrt. Sie dürfen frei herumlaufen. Die im Käfig krähten nicht, dafür die Freilandhühner um so mehr. Manchmal habe ich das ja ganz gerne. Manchmal geht’s mir aber auch auf den Keks. Wo was passt, passt’s.

Beim Weitermarsch über die alte Brücke Richtung Granón entstand beim Zurückblicken das erste Gedicht, das sich unter dem 20. 05. findet. In Granón selbst zeigte der deutsche Herbergswirt, der Feldwebel, stolz sein Ferien-Beschäftigungs-Feld. Ihm widmete ich den ersten Dreizeiler vom 21.5. Eine kleine Bar mit geschäftstüchtigen Inhabern gab’s. Die Stärkung, ein gut Wurst/Käse belegtes Baguette, schmeckte prächtig wie auch der Milchkaffee. Vier km weiter kam ich nach Redecilla del Camino. Geschafft war ich. Daher ließ ich das sehenswerte Taufbecken der Pfarrkirche aus dem 12.Jh. links liegen. Irgendwann hat der Läufer es satt, sich in allen Kirchen umzusehen, obwohl nahezu jede ein Kleinod ist. Man wird quasi mit Kunst erschlagen. Sie zu genießen, fehlt dann die Lust. Die bleibt anderem vorbehalten, dem Weg, den Empfindungen und so weiter. Das letzte Gedicht vom 23.5. drückt das aus. Der Wadenbeißer bezieht sich auf einen Vorfall in meinem dörflichen Gemeinderat. Helga las mir am Vorabend die wichtige eingegangene Post vor. An einem der Briefe hatte ich einige Zeit kräftig zu kauen.

Sei dankbar dem Schmerz
deines geschundenen Leibs.
Auch das ist Lernen.

Einen tiefen Sinn
erkennen wir nicht hier, jetzt,
erst später am Tor.

Dankbarkeit lernt man.
Findet zur Bescheidenheit -
und erinnert sich.

Wenn Regen und Wind,
Sonne und Staub dich quälen
reicht’s einfache Dach.

Nicht nur den Schatten
auch Stille lernt man schätzen -
und das Alleinsein.

Je länger ich lauf’
desto mehr treibt mich der Weg
über Stock und Stein.

Täglich auf’s Neue
läuft der Kampf gegen den Weg
tief im Inneren.

Erst am 10. Tag
ist der Schweinehund geschafft -
Sagt ein Althase.

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