Sonntag, 21. Mai 2006

Auf dem langen Weg/erfahr die Weite der Welt,/groß ist das Kleine.

Santo Domingo de la Calzada - Redecilla del Camino - Belorado

Auf dem langen Weg/erfahr die Weite der Welt,/groß ist das Kleine./

Wenn man ihn nicht mag, braucht man ihn nicht zu gehen. Jeder Pilger tut das freiwillig. Jederzeit kann er abbrechen. Trotz aller Schwierigkeiten geht er weiter, es sei, eine Krankheit zwingt zur Aufgabe. Mir begegnete ein Arzt aus Hamburg. Helmut erfroren fast Zehen im Schnee der Berge. Er lief in diesem Jahr von dem Ort weiter, wo er letztlich aufhören musste. Heidi aus München, etwa in meinem Alter. bekam vor mehren Jahren auf dem Weg einen Hörsturz. Sie lief trotz der Proteste ihrer Familie dieses Jahr wieder. Ich hätte mehrere von ihnen fotografieren sollen, nicht nur die tolle Landschaft. Von ihr geht etwas Faszinierendes aus. Dazu kommen noch die Kleinigkeiten, die mir auffielen und auf meinen Zetteln festgehalten wurden. So z.B. die kilometerlangen Betonröhren zwischen den Feldern. Durch sie führen die Bauern das kostbare Nass von entfernten Wasserstellen heran. Wer durch diese trockene Landschaft läuft, weiß wie lebensnotwendig nicht nur für uns das Wasser ist.

Sauber und adrett,
der Herbergswirt war Deutscher.
Gibt’s den Unterschied?

Er gibt ihm zurück
was ihm Gutes widerfuhr
an Gleichgesinnte.

Kein Pilger vermisst
jemals die Weltnachrichten -
in ihm ist alles.

Najera ist ganz nett. Das Restaurantessen war ok. Von Azofra blieb nichts haften. In Santo Domingo de la Calzada erstaunten mich die vielen nistenden Störche auf den Kirchen. Die Gemeinde am Rio Oja war ansprechend, auch die Herberge. Die Restaurant Chefin scheuchte ihren Mann, der mir und andern Pilgern erst ab 20 Uhr was zu Essen geben wollte. So konnte ich meinen leeren Magen schon vor 19 Uhr mit Fisch füllen. Überall entlang des Weges wunderte es mich stets, dass es ein reichliches Fischangebot gab. Es stammte weder hier noch anderswo aus Niedrigwasser führenden Flüssen, sondern wie sonst auch, aus dem Meer. In diesem Übernachtungsplatz erlebte ich die erwähnte Hochzeit. Weil der Ort mal Bischofssitz war, wird die Kirche als Kathedrale bezeichnet. Dem hochtrabenden Namen wird sie nicht gerecht. Auch nicht unter Berücksichtigung, dass sie Grabstätte des Stadtgründers, des Heiligen Domingo de Viloria ist, bzw., vielleicht als einzige Kirche auf der ganzen Welt, lebende Hühner beherbergt. Es kommen sonst viele in dies sehenswerte Gotteshaus, die sind aber nicht in einem gotischen Käfig eingesperrt. Sie dürfen frei herumlaufen. Die im Käfig krähten nicht, dafür die Freilandhühner um so mehr. Manchmal habe ich das ja ganz gerne. Manchmal geht’s mir aber auch auf den Keks. Wo was passt, passt’s.

Beim Weitermarsch über die alte Brücke Richtung Granón entstand beim Zurückblicken das erste Gedicht, das sich unter dem 20. 05. findet. In Granón selbst zeigte der deutsche Herbergswirt, der Feldwebel, stolz sein Ferien-Beschäftigungs-Feld. Ihm widmete ich den ersten Dreizeiler vom 21.5. Eine kleine Bar mit geschäftstüchtigen Inhabern gab’s. Die Stärkung, ein gut Wurst/Käse belegtes Baguette, schmeckte prächtig wie auch der Milchkaffee. Vier km weiter kam ich nach Redecilla del Camino. Geschafft war ich. Daher ließ ich das sehenswerte Taufbecken der Pfarrkirche aus dem 12.Jh. links liegen. Irgendwann hat der Läufer es satt, sich in allen Kirchen umzusehen, obwohl nahezu jede ein Kleinod ist. Man wird quasi mit Kunst erschlagen. Sie zu genießen, fehlt dann die Lust. Die bleibt anderem vorbehalten, dem Weg, den Empfindungen und so weiter. Das letzte Gedicht vom 23.5. drückt das aus. Der Wadenbeißer bezieht sich auf einen Vorfall in meinem dörflichen Gemeinderat. Helga las mir am Vorabend die wichtige eingegangene Post vor. An einem der Briefe hatte ich einige Zeit kräftig zu kauen.

Sei dankbar dem Schmerz
deines geschundenen Leibs.
Auch das ist Lernen.

Einen tiefen Sinn
erkennen wir nicht hier, jetzt,
erst später am Tor.

Dankbarkeit lernt man.
Findet zur Bescheidenheit -
und erinnert sich.

Wenn Regen und Wind,
Sonne und Staub dich quälen
reicht’s einfache Dach.

Nicht nur den Schatten
auch Stille lernt man schätzen -
und das Alleinsein.

Je länger ich lauf’
desto mehr treibt mich der Weg
über Stock und Stein.

Täglich auf’s Neue
läuft der Kampf gegen den Weg
tief im Inneren.

Erst am 10. Tag
ist der Schweinehund geschafft -
Sagt ein Althase.

Samstag, 20. Mai 2006

Najera - Santo Domingo de la Calzera***** 20. Mai 2006 *****

Viele Weiler, Dörfer, kleine und größere Städte durchlief ich. Ich hätte mir wie andere Stichpunkte über die einzelnen Stationen machen sollen. So ist heute das meiste verwischt, überlagert, versunken im Brei der Erinnerung. Einige Dorfplätze blieben im Gedächtnis, schöne alte Kirchen, an denen fast überall heftig der Zahn der Zeit nagte. Auf den meisten waren belegte Storchennester. Ein willkommenes Fotomotiv. Eine Hochzeit erlebte ich in einer der Kirchen. Die hübsche Braut mit dem coolen Bräutigam fotografierte ich später. Ob sie wohl einen notariellen Ehevertrag haben? Schilder von Berufskollegen sah ich und fotografierte eines für mein Büroalbum. So bannte ich auch mich interessierende Türen, Tore, Gitter auf den Chip. Sie wanderten inzwischen in das diesbezügliche Spezialalbum. Jeder hat halt andere Interessen/Macken.

Das stellte ich bei der erwähnten Gruppe aus Düsseldorf fest. Sie wurden von ihrem Diakon begleitet, der den Lakaien spielen musste. „Er verbringt ja bezahlten Urlaub mit uns“ (den acht katholischen Gemeindeschäflein). So lief er voraus und orderte die Herbergen, bestellte den Tisch in dem kleinen Dorfrestaurant und sah nach, wann die Pilgermesse war, die sie an jedem Abend besuchten. Da er einige Jahre in Brasilien gearbeitet hatte, sprach er fließend Spanisch und ebnete auch sonstige Hindernisse. Diese netten Leute, wir unterhielten uns da und dort abends sehr angeregt, liefen aus religiösen Beweggründen.

Die nächsten Gedichte bedürfen keiner Erläuterung. Sie sind so verständlich. Auf dem Weg von Navarette nach Najera traf ich auf ein tief verliebtes Pärchen, ich glaube, sie hießen Marie und Gerd. In Nähe der holländischen Grenze wohnten sie. Mit Österreichern traf ich sie vor Burgos wieder, wo wir gemeinsam einliefen. Sie erzählte, sie sei mit ihrem Mann, er sei Jäger, zuvor im Harz Probe gelaufen. Nun ruhte seine Flinte. Amüsiert hörten sie sich dann das an, was ich von meinem letzt jährigen Vor-Wander-Übungslauf berichtete.

Drei Freunde aus Ahlen besuchten mich für ein verlängertes Wochenende in Bockau/ Erzgebirge. Sie hatten den Wunsch geäußert, von dort nach Karlsbad zu laufen. Das sind mit dem PKW über Oberwiesenthal 80 km, per Rad oder zu Fuß vielleicht zwischen fünfzig und sechzig. Meine einheimischen Freunde meinten, man könne es gut an einem Tag schaffen. Eine Woche vor dem Eintreffen von Jürgen, Walter und Wolfgang, fuhr ich in Begleitung meines Lions Freundes Edgar nach Tschechien. Dort kaufte ich in Sachsen leider nicht erhältliche Wanderkarten und organisierte das Übernachtungshotel hinter der Grenze. Edgar kannte sich aus und legte fest, wo wir herlaufen sollten. Der Rucksack meines mittleren Kindes Tilo stand gepackt bereit.

Mein Schulfreund Jürgen rief kurz vorher noch mal an. Freudig berichtete ich ihm von meinen Bemühungen und, dass alles klappen würde. Er druckste herum. Sie wollten ja eigentlich laufen. Das müsse aber nicht sooo unbedingt sein! Ich sagte es würde gelaufen. Alles sei organisiert. Insgeheim freute ich mich jedoch sehr über diese Absichtsänderung. Sie entsprach ganz meinen Wünschen. Das Wetter war mies. Man hatte Regen vorausgesagt. Ich rief meinen Stammtischfreund Heinz Neubert in Stützengrün an. Er hat eine große Zimmerei. Als Hobby betreibt er Kremser Kutschfahrten. Mit ihm verabredete ich, er solle am übernächsten Tag ca. vier km von meinem Haus im tiefen Bockauer Wald mit seiner Kutsche um 10 Uhr stehen und uns von dort zur Grenze nach Johangeorgenstadt fahren. (In Bockau beginnt das größte zusammenhängende Walgebiet Deutschlands. Das Erzgebirge ist eine wunderschöne Gegend.) Am Abend vor der geplanten Wanderung nahm ich meine Ahlener mit zum Stammtisch. Die anderen Kollegen, die nichts von der Absprache wussten, bewunderten unser Vorhaben und gaben noch gute Tips. Es war kalt, es nieselte, als wir morgens aufbrachen. Verabredungsgemäß stand Heinz mir seinem offenen Landauer auf dem Waldweg. Meine Freunde wunderten sich, den Stammtischfreund vom Vorabend hier zu sehen, dachten sich aber immer noch nichts, bis ich eröffnete, er brächte uns zur Grenze. Ihnen fiel ein Stein vom Herzen. In Johanstadt stiegen wir in den Zug und kamen gut erholt in Karlsbad an. Auch für den Rückweg benutzen wir die Eisenbahn. Im Gegensatz zu manch anderem Pilger lief ich, der ich schon immer unsportlich war, also völlig unvorbereitet den Camino. Es schadete mir zum Glück nicht. Marie und die anderen meinten das nach diesem Bericht dann auch.

Zurück geht der Blick
auf das Stadtkloster am Fluss
mit dem Gnadenbild.

Schweiß lief beim Anstieg
weit dann die Hochebene
von Wolken gedämpft.

Zwischen Wein und Korn
die Bewässerungsrinnen
reich gibt die Erde.

Gut schmeckt der Kaffee
in der Bar am Ortsbrunnen
danach Gluthitze.

Über Berg und Tal
eine staubige Piste,
abkühlend ein Wind.

Viele Steintürmchen
errichteten die Pilger
mit ihren Wünschen.

Die vielen Steine
können das Ziel verleiden.
Sie sind überall.

Dicke Steinbrocken
können das Ziel verleiden.
Sie sind überall.

Du musst sie mögen -
Felsen, wenn du sie besteigst,
sonst bist du hier falsch.

In den Gedichtstexten, die ich wie erwähnt fast alle im Gehen notierte, nahm ich eine gerade gemachte Beobachtung oder einen Gedanken, der mir durch den Kopf schoss, quasi zu Protokoll. Der Jurist lernt komplizierte Vorgänge in Kurzform wieder zu geben. Ich legte nichts aus, analysierte es nicht, hielt einfach nur was fest. Mit der Kamera fixiert man eine Jetzt Szene, die danach schon der Vergangenheit angehört. Das gleiche, jedoch in epischer Breite, macht der Maler. Bei ihm werden zusätzlich zum Grundmotiv noch Eigenempfindungen in die Komposition mit eingebaut. Es geschieht entweder durch Hinzufügen oder Weglassen. Malen kann ich nicht. Seit dem 14. Lebensjahr fotografiere ich. Die Motive wandelten sich, wie meine Sichtweisen. In Meinen Gedichten, jedes Jahr füllen sie nun einen Leitz Ordner, halte ich auch häufig Nebensächlichkeiten fest, die andere nicht wahrnehmen. So notiere ich, was mir auffällt. Verstecke dabei auch meine Emotionen nicht. All das spiegelt sich u.a. in meinen Gedichten vom Jakobsweg wieder.

Freitag, 19. Mai 2006

Navarette - Ventosa - Najera ***** 19. Mai 2006 *****

Die Luft Spaniens

belebt den Geist und Körper,
der dünner wurde.

An manchen Tagen
findet sich nichts auf Zetteln.
Der Geist leerte sich.
Es lag nicht am Wein, wenn sich an einigen Tagen weniger Texte auf meinen Zetteln fanden. Denn eins bewirkte der Weg auch bei mir, er brachte Entspannung von der täglichen Hektik und dem Druck. Und Muße, die Unbeschwertheit zu genießen. Das Büro in Aue war sooo weit weg.


Donnerstag, 18. Mai 2006

Viana - Logrono - Navarette***** 18. Mai 2006 *****

Nach solch einem Kurzstopp ging’s dann durch dick und dünn weiter und durch die Hitze. Ich machte einen Fehler. Den überhitzten Körper kühlte ich bei Ankunft an einem Zielort mit einem Liter eiskalten Sturzbier von innen und von außen mit kaltem Wasser der Hotelbadewanne. Die Quittung bekam ich in der Nacht. Schüttelfrost ließ mich kaum schlafen. Ich simulierte. Mir schwirrten die sonst so gern gesuchten Wegesmuscheln durch den Kopf, von denen ich nichts mehr wissen wollte, genauso wie die kleinen himmelwärts stehenden Pyramiden. Mir war kotzelend. Die freundliche Dame vom Empfang hatte Aspirin. Ich nehme sonst kaum Medizin. Hier tat ich’s und stellte fest, wie sie helfen kann. Als Naturbursche hatte ich natürlich keine Medizin dabei. Das werde ich ändern und habe deswegen schon einen entsprechenden Passus in meine Rucksack-Checkliste eingefügt. Mir fehlte in der Nacht eine langärmelige Jacke, eine dicke lange Hose. (Zwischenzeitlich kaufte ich das.) Ich fror unter der Sommerdecke. Nichts konnte mich wärmen. Die Nacht überstand ich jedoch. Das Frühstück war in diesem Hotel annehmbar. Da ich gewohnt bin, trotz eines Wehwehchens zu arbeiten, blieb ich nicht in dem Hotel, sondern wanderte weiter. In meinem Notariat und vorher in der Anwaltskanzlei bzw. zuvor als Geschäftsführer fehlte ich nie wegen Krankheit. Arbeit kann über solche hinwegbringen und Arbeit mag ich. Sie lenkt mich stets von körperlichen Missständen ab. An meinem Schreibtisch entspanne ich mich mehr als im Garten. Lieber 8 Stunden im Büro als 2 dort. Ich testete schon viele Grenzen aus, so auch an jenem Morgen, wo mich die Piste wie magisch anzog und mir auf die Beine half. Die spannendsten Geschichten schreibt die Wirklichkeit.

Beim Gehen sah ich dann die kleine Eidechse über den Weg huschen, bemerkte an einigen Stellen die tiefen Spuren rechts und links des Mittelstreifen, die Wagenräder in den Weg gruben, sah den abgerutschten Hang. Alles verarbeitet ich sogleich, dafür mal eben stehen bleibend, um das Gesehene schnell auf dem Block festzuhalten. Manchmal musste ich mich sputen, um Mitläufer wieder einzuholen. Mir machte etwas auch die Sonne zu schaffen, denn ich lief ohne Hut. Vergeblich hatte ich ihn mehrfach in meinem Rucksack gesucht, ich war mir sicher, er musste darin sein, da ich glaubte, ihn eingepackt zu haben. Während der ganzen Tour suchte ich ihn immer wieder. Da ich ihn nicht fand, schützte mich nur mein dichtes, typisches Nahrath-Haar. Der Hut tauchte daheim wieder auf. Er war tatsächlich im Rucksack! Es gilt auch hier: was man nicht im Kopf hat, sollte man aufschreiben! Doch der Knautschhut hatte sich unsichtbar gemacht. Wieso, frage ich mich nun, sollte ich den Hut nicht tragen. Vielleicht hätte ich mit ihm zu pilgermäßig ausgesehen? War ich, der ich ohne religiöses Motiv rein aus sportlicher Neigung lief, seiner nicht würdig?


Auch ein Langsamer
erreicht wie Schnelle das Ziel,
- wenn er es erreicht.

Ihr, meine Füße,
schadet keinem Tier vor euch
wie ihr will’s leben.

Ein Schmetterling, weiß,
nach emsigem Zickzackflug,
stoppt an sattem Blau.

Zwischen den Zehen
werden die Blasen größer.
Die Füße schmerzen.

Diese Strapazen,
wie kann man sich das antun,
wer ist so bekloppt?!

Wer frisst freiwillig
in Hitze Kilometer?
Was suche ich hier?

Herbergen sind gut
zum Glück gibt’s auch noch Hotels
sonst gönnt man sich nichts.

Den heißen Körper
kühlte die Badewanne
geläutert der Geist.

Schüttelfrost plagte
den Frau Aspirin vertrieb.
Jeden erwischt’s mal.

Statt Hut waren meine drei Blasen sichtbar. Die vor Ort gekauften Pflaster erwiesen sich als nutzlos. Sie verkrümelten sich beim Laufen. Vielleicht lag das an der Salbe, denn jeden Morgen cremte ich mir meine Füße satt mit Melkfett ein. Darüber zog ich die immer gleichen, ungewaschenen, dicken Wollsocken. Sie stellte ich abends auf dem Fensterbrett ab, wo sie ungestört vor sich hin miefen konnten. Nicht liegend, sondern stehend genossen sie vor mir in der Frühe den Blick nach draußen. Das Melkfett stimmte jedoch meine dicken Hornhautschwielen milde. Glück kann jeden treffen. Ganz schön raffiniert, dieser Eincrem- Vorschlag von Vorläufern. Die Wanderstrümpfe, die sogar stehen konnten, aber nur mit mir laufen, stanken wirklich erbärmlich. Sie entsorgte ich vor dem Rückflug. Zum Glück roch niemand während des Wanderns an meinen Füßen und abends wusch ich mich gründlich. Daheim bin ich gewohnt, alles täglich zu wechseln. Man wird als Wanderer bescheiden. Das betrifft auch die Hygiene. Immer noch lernfähig zu sein, stellte ich ebenso fest.

Einen weiteren Rat nämlich befolgend, hatte ich in meinem unergründlichen, bis zum Schluss noch manches Geheimnis wohl behütenden Rucksack, Rei in der Tube. Was das ist, erfuhr ich von Helga vor der Übergabe, nämlich flüssiges Waschpulver. Es ist in einem größeren Ausdrückbehältnis versteckt. Man schmiert es, wenn dringend nötig, auf ein zuvor nass gemachtes Kleidungsstück, das dringend der Reinigung bedarf, und rubbelt das dann unter dem Kran sauber – soweit es geht. Dann wringt man es aus, wickelt es in ein Handtuch und quetscht es noch mal kräftig. So ließ ich es mir von, ich glaube, sie wurde von ihrer Düsseldorfer Gruppe Tresken gerufen, erklären. Morgens sollte ich das so behandelte Kleidungsstück dann am Rucksack befestigen. Dort könnt’s gemütlich, praktisch in der Sonne trocknen. Gesagt, getan. Nun baumelte, es ging schon auf Mittag zu, neben dem Schweiß-Küchentuch noch die Unterhose, Schießer Weiß, gerippt, mit Eingriff; weit leuchtend auf dem Rückenteil. Als die Ersten mich belustigt überholten, verschwand die Bollerbuchse noch nass hinter einem der Reißverschlüsse. Beim abendlichen Ausräumen fand ich sie trocken, aber steif vor. Das verwunderte mich. Als ich’s beim Pilgermenue erzählte, wurde mir ein verheimlichter weiterer Reinigungsschritt bekannt. Man muss das beste Stück nach vorbeschriebenen Gebrauch noch gründlich ausspülen, wie beim Zähneputzen und sonst so. Die Tube Rei begegnete mir dann nicht mehr. Erst im erzgebirgischen Bockau fand ich sie ganz tief versteckt neben dem Knautschhut auf dem Rucksackboden. Nie zuvor in meinem Leben brauchte ich zu waschen, außer durch Knopfdruck auf Befehl. Das sei Frauensache, wurde mir überzeugend beigebracht. Daran glaube ich eigentlich bis heute noch. Ob es so bleibt?

Im Pilgerausweis
sammeln sich bunte Stempel -
sieht so einfach aus.

Viele Strapazen
verzeichnen meine Muskeln -
so wie die Seele.

Mit dem gleichen Ziel
vereint das Sprachengemisch
geleitet vom Geist.

Der Körper speichert
des Weges Sonne und Kraft -
bis zum Umfallen.

In Viana ist der Sohn des Papstes Alexander VI., Cesare Borgia, beigesetzt. Da er skrupellos war, liegt sein Grab vor der Kirche Santa Maria. Wo liest man schon, dass der Papst ein Kind hat?

Folge deinem Pfad./Er führt dich wohin du sollst./Nichts ist un-bestimmt.

Vorbei an einem Stausee, an dem ein Ornithologisches Observatorium liegt, ging der Weg. Das hielt meine Wanderung nicht auf. Ein kleines Kiefernwäldchen fesselte mich mehr. In Erinnerung von der nächsten Stadt, der Regionalhauptstadt Logrono, blieb mir der Pilgerbrunnen. Er liegt vor der Santiago Kirche. Ein Standbild des Maurentöters über deren Portal wird als wichtig im Reiseführer hervorgehoben. Heidi aus München, die mich auf den Weg letztendlich aufmerksam machte, empfahl mir auch das Buch „Leben im Jetzt“ von E.Tolle. Überzeugend führt er aus, man solle nicht am Gestern festhalten und das Morgen beherrschend werden lassen. Zum Brennpunkt des Lebens solle man allein das Jetzt machen. Nicht nur deshalb würdigte ich dem Mörder von damals keines Blickes, sondern genoss in tiefen Zügen den Moment des Trinkens. Dabei spürte ich, wie erfrischend das Wasser war, wie es mir Lebenskraft zurückgab.

Zu der Quelle ging es einige Stufen herunter. Erleichtert hatte ich zuvor auf der Mauer meinen Rucksack abgestellt. Ich war kaputt! Doch seit dem ziere ich ein japanisches Album. Ein Pärchen von dort fragte, ob sie mich ablichten dürften. Wahrscheinlich werden sie daheim von dem Pilgerschreck mit der großen, sonnengeröteten Nase japanisch breit berichten. Nebenbei: Die Begleiterin des Fotographen toppte mich um Längen im Bereich Wäsche machen. Sie trug - neben einem ihr permanent lächelndes Gesicht fast verdeckenden Schlapphut - hinter dem Rucksack ein auf ihn abgestimmtes Wäsche-Ständer-Gestell! An den verschiedenen Stangen baumelte, gehalten von richtigen Wäscheklammern, modisches Unterzeug. Die kleine Dame hatte, wie ich anerkennend feststellte, unten herum Geschmack. Wie alle dort sehen konnten, steht man offensichtlich in Japan oben und unten auf Triumph. Was ich zuvor schon mal in der Presse gelesen hatte, sah ich vor dem frommen Gotteshaus bestätigt. Im März 2004 schrieb ich schon folgendes Gedicht zu einer Reklame vorgenannter Firma:

Triumph zieht sie an./Mancher zög sie lieber aus./Ist Ansichtssache!

Einen Monat später formulierte ich ein weiteres. Es passt nicht so gut zum Weg. Deshalb gebe ich es hier nicht wieder. Schmunzelnd las ich es eben. Logrono, es hat 124.000 Einw., fand ich ätzend. Als ich las, der Weg führe durch ein Industriegebiet, beschloss ich, zum Busbahnhof zu laufen. Es dauerte mindestens drei km, bis ich dort ankam. Vielleicht verlief ich mich auch. Man hatte mich einmal in die, dann in jene Richtung geschickt. Mein Wörterbuch Spanisch verstand keiner so richtig. Einen Teil des weiteren Weges legte ich nun im Bus zurück.

Wer sich überschätzt/sollte dies eingestehen./Fehler macht jeder. In Navarette stieg ich aus. Ein Stempel beweist meine Ankunft dort.


Gedanken kommen
mit totaler Erschöpfung.
Verdrängtes spült hoch.

Schmutzige Wäsche
nimm sie wie andere an,
niemand ist allein.

Was zu tun ist, tu,
verschieb es nicht auf morgen.
Der Weg gibt dir Kraft.

Alles, was passiert
es geschieht nach einem Plan,
der unbegreiflich.

Mein Rucksack wog über 12 kg. Das war viel zu schwer. In irgendeinem Ort vor meinem Schüttelfrost schickte ich drei Kilo nach Hause. 39,- € kostete das. Das Postamtzimmer, so sahen die bei uns noch nicht mal vor 50 Jahren aus, war gleichzeitig eine Filiale der DEUTSCHEN BANK! Wie weit sind wir gesunken, dachte ich, dabei die schicken Paläste dieses Geldinstitut bei uns im Auge habend. Ich schickte den Schlafsack heim, ein Buch, den, wie ich glaube, überflüssigen Pullover und Schmutzwäsche. (Nach über 14 Tagen kam’s an, da war ich schon längst wieder am Arbeiten.) Wenn ich jedoch zukünftig nur insgesamt 9 kg schultern möchte, bleibt mir nichts anderes übrig als alle zwei Tage zu waschen. Die Durchgeh-Orte haben meist keine Bekleidungsgeschäfte, in den der Bedarf an Altwäsche ersetzt werden könnte. Außerdem ginge das auf die Urlaubskasse. Das Pilgermenü entfiele. Ich würde zu dünn. Würde als kraftloser Strich in der Landschaft nichts mehr darstellen. (Beim Klamottenkauf verblüffe ich die Verkäuferinnen mit dem Satz, ‚das Hemd -zum Beispiel- solle groß genug ausfallen. Ich kaufte stets auf Zuwachs, hätte nicht die Absicht, schlanker zu werden.’ - Auf dem Weg wurde ich’s, wie ausgeführt.) Also, die Rei-Tube kommt beim Nächsten mal oben auf. In Pilgerherbergen gibt’s sogar manchmal Waschmaschinen, las und hörte ich von Mitpilgern.

Mittwoch, 17. Mai 2006

Torres del Rio - Viana ***** 17. Mai 2006 *****

Die meisten der Stempel ziert übrigens die Strahlenmuschel. Sie findet sich auch da und dort am Wegesrand oder in Mauerwände eingelassen. Manche sind ein tolles Fotomotiv. Ein solches lichtete ich ab. Einige dieser eingelassenen Muscheln sind m.E. jedoch falsch herum angebracht, sodass sie nicht als Richtungsweiser dienen, was sie eigentlich auch sein können und sollen. Die Strahlen des breit gefächerten Rundes stehen meines Erachtens für die einzelnen Wanderwege. Sie laufen alle in einer Spitze, die in einem Rechteck ruht, zusammen. Das Rechteck, glaub ich, kann für das Grab des Heiligen Jakobus stehen. Somit müsste die „Muschelwurzel“ eigentlich zum Ziel aller Pilger weisen, was sie aber wie festgestellt, nicht immer tut. Das ist meine Auslegung des Symbols der Jakobsmuschel. Ob andere es auch so sehen, weiß ich nicht, wenigstens las noch nichts davon.

Die überall am Wegesrand zu findenden kleinen Steinpyramiden sind dagegen mehrfach beschrieben. Auch ich nahm kleine Steine auf und schichtete sie auf die schon vorhandenen. In einem der vielen Jakobsbücher las ich, dass man Steine von zu Hause mitnehmen sollte, um sie auf solche Pyramiden zu legen. Tolle Gebilde sah ich. Bei einigen entstand bei mir der Eindruck, die Erbauer hätten viel Zeit damit verbracht, sie in diese kunstvolle Form zu bringen. An einer Wegesstrecke fand ich hunderte kleiner Pyramiden. Diese, an einem Ort geballte Masse von Steinpyramiden standen geschützt und überlebten wohl so Regen und Stürme, wie der Weg das über Jahrhunderte schaffte. Ich weiß nicht, ob andere Pilger es so wie ich machten: ich gab meinen kleinen Steinchen vor der Ablage einen Kuss und einen Wunsch mit. Legte so mit jedem von ihnen ein kleines Päckchen ab. Einmal löste sich bei diesem Aufschichten ein Schmetterling von einer danebenstehenden Blume, die Spitze der kleinen Pyramide dabei überfliegend. Ich glaube, mein Wunsch hat damit Flügel bekommen. Ich hatte keine Flügel, doch quälte ich mich trotzdem nicht über den Weg, trotz meiner 95 kg.

Sind Dicke wie ich nicht leistungsfähig? Ich war’s während der ganzen Zeit. Wie ein Weltmeister lief ich unbehütet durch die Sonne, wusch sogar eine zu lang getragene Unterhose. Ich quatschte dabei mit denen, die mich jeweils begleiteten. Viele Ideen kamen mir, die in japanischer Versform die Zettel füllten. Sie nährten den Geist und schufen dadurch Energie, Nahrung für die Seele und auch die Beine. Viel Bewegung, wenig Essen erhöht die Lebenserwartung behaupten Ärzte. Ist der Weg deswegen ein Jungbrunnen? Ich denke, seine Kraft liegt – und das kommt in einigen Gedichten zum Ausdruck- in seiner positiven Strahlung, die angereichert wird mit den Empfindungen der auf ihm Laufenden. So entsteht eine Wechselwirkung zwischen Weg und Pilgern. Der Weg ist in meinen Augen ein langgezogener Ort der Kraft. Ich finde es nicht verwunderlich, wenn Sensitive auf ihm tiefe geistige Erlebnisse haben. Lese ich meine dort quasi im Gehen notierten Gedanken heute, nach mehreren Monaten, es ist schon August, verwundern sie mich teilweise. Völlig unterschiedlich sind sie. Doch alle drehen sich um den Weg. Die Fotos sind nebenbei entstanden, zeigen Durchblicke, Blumen, roten Mohn und immer wieder das Band des Pilgerwegs, das alles und alle verbindet.

Ein Treckerfoto erinnert mich daran, wie fleißig die Weinbauern waren. Überall sah ich sie auf ihren flachen Weinfeldern. Sie zogen Unkraut oder schnitten frische Triebe. Ich erinnerte mich dabei an einige unbeschwerte Ferien, die ich in der Pubertät bei Tante Susi und ihrem Mann bei Saarburg verbrachte. Mädels waren für mich damals unerreichbar, ich war insoweit wohl ein Spätzünder. Das Weingut von Onkel Georg Faber, er gab dem FABER SEKT seinen Namen, lag in Staadt in einer Saarschleife unterhalb der Klause von Serrig, einer alten keltischen Befestigung. Dort befindet sich seit den Weltkriegen ein gut gepflegter Soldatenfriedhof. Um Taschengeld zu verdienen, zog ich mit meinen Vettern Dieter und Bernd Hausen-Mabilon in den steilen Berghängen Unkraut. Ich schwitzte mächtig dabei, denn der Schieferboden reflektierte heftig die pralle Sommersonne. Da ich schon damals übergewichtig war, tat es mir eigentlich gut. Vielleicht stammt daher meine Unlust an Gartenarbeit? Hier in Spanien kam es mir vor, als ob jeder Kleinbauer sein eigenes Weinfeld hätte. War deswegen der Rote so preiswert? Ich trank und trinke ihn gerne. Er diente mir dort weniger als Durstlöscher, sondern wie auch zu Hause mehr der Gesundheit wegen. Rotwein soll lebensverlängernd wirken. Vielleicht ist das der Jakobsweg auch. Das denken sicher die, die ihn mehrfach laufen, getreu dem Motto: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Lauf durch die Gegend
soweit die Füße tragen
genieß die Landschaft.

Überwinde ihn
den inneren Schweinehund,
gewinn ihn zum Freund

Steinpyramiden
säumen der Wanderer Weg
gebe ihnen Halt.

Schwer ist das Paket
das in die Ferne abgeht
voll guter Wünsche

Gib deine Wünsche
den Kieseln mit ’nem Kuss mit
für deine Daheim.

Einen Blumenstrauß,
bunt, duftend vom Wegesrand,
schick ich nach Hause.



Dienstag, 16. Mai 2006

Estella - Los Arcos - Torres del Rio***** 16. Mai 2006 *****

Estella - Los Arcos - Torres del Rio

Das spanische Hotelfrühstück bekam zu keinem Zeitpunkt von meinen westfälischen Geschmacksnerven einen Speichelpunkt. Milchkaffee und Hörnchen, igitt! Was sehnte ich mich manchmal nach meiner Eigenkomposition „Stampfei à la Edgar P.“. Es ist inzwischen so bekannt, dass es in dem Kochbuch “Löwen bitten zu Tisch“ S. 36, ausführlich beschrieben wird, siehe Vorspann. Dabei denke ich, man nahm dieses Rezept nicht um seines Inhalts willen, sondern wegen des witzigen Begleittextes. Während all der Tage hatte ich keinen großen Hunger. Vier Kilo nahm ich auf dieser Tour ab. Abends kaufte ich mir manchmal auch nur ein Baguette und belegte es großzügig mit Dosenfisch, Wurst oder Käse. Das war zum Teil noch schmackhafter als das Pilgermenü für 9,-- EUR incl. Rotweinflasche. Mein scharfes Taschenmesser tat mir gute Dienste. Im letzen Jahr schnitt ich mir damit an den Weinbergen pralle Traubenbüschel ab.

An dem von mir schon beschriebenen Weinbrunnen der Kellerei Bodegas Irache kurz hinter Estella, ließ ich mich von spanischen Fahrradpilgern ablichten. Dieses Jahr hatte ich meine Digitalkamera dabei. Im letzten war ich noch vorsichtig, sie blieb daheim Es durfte nur der Einfachstapparat mit. Die Fotos von 2006 sind deswegen besser als die aus dem Vorjahr. Gleichwohl sind die Bilder nachfolgend nicht immer dort eingefügt, wo sie hingehörten. Die Fotos geben die Weite des verschlungenen Weges ebenso wieder, wie die Eindrücke der menschenleeren Landschaft. Von den Höhen sieht man, wo hin es geht. Es ist frustrierend, wenn man wahrnimmt, wie weit es noch zum Zielpunkt ist. Nach dem Führer ist ja bekannt, wie viel Kilometer zurückzulegen sind. Deshalb kam ich drauf, nur vor mich zu schauen und mich nicht durch die noch zu laufende Entfernung verrückt machen zu lassen. Gehe stets Schritt vor Schritt, sagte ich mir, so kommst du schneller ans Ziel, als wenn du lamentierst, „da soll ich hin, so weit ist dass noch?“ Viel dachte ich insoweit an Weisheiten wie sie z.B. Dale Carnegie in „Sorge dich nicht, lebe“ verbreitete. Was juckt mich die verschüttete Milch von morgen. Jetzt habe ich das anstehende Problem zu lösen. Das möglicherweise morgen anstehende kommt dann dran, wenn es denn überhaupt kommt.

Dieses Mal fand am Weinbrunnen kein langes Gespräch statt. Gleichwohl erinnerte ich mich gerne an die zwei Studentinnen vom letzten Jahr und unsere Unterhaltung über Gott und die Welt. Erinnerungen sind halt ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann. Schön war es jedenfalls für mich dort anzuknüpfen, wo ich 05 aufgehört hatte. Das spiegelt sich m.E. auch in den neuen Gedichten wider. Die Empfindungen waren 06 noch stärker. Sie vertieften sich mit jedem Schritt, den ich in Richtung Santiago marschierte.

Leider war ich am Weinbrunnen so dumm, die Wasserflasche halb mit dem köstlichen Roten zu füllen. Bei der Hitze sollte Alkohol dem Abend vorbehalten bleiben. Daheim trinke ich nie vor dem Abendbrot, wenn ich denn überhaupt Wein oder Bier meinem Gesundheitsbrunnen-Wasser St. Leonhard aus Stephankirchen vorziehe. Während der Wanderung ist es wichtig, viel zu trinken. Nicht immer hielt ich mich daran. Das abgezapfte Brunnenwasser schmeckte nach dem Tragen in der Hitze abgestanden. Es gibt Wanderstrecken von 12, 15 und mehr Kilometern, wo kein Brunnen, keine Bar zu finden ist. Der Körper benötigt jedoch ständig Wasser. Er braucht auch Magnesium, um Schwitzausgleich zu schaffen. Nach einem 30-km-Marsch öffnete ich im Ankuntsort die erstbeste Lebensmittelladentür, kaufte eine ein Literflasche Hohes-C und trank sie ohne abzusetzen aus. Mein Durst war übermächtig, richtig gierig war ich. Manchmal wünschte ich auf den Wegstrecken sehnlichst einen Cola-Automaten mit Gekühltem herbei. Sie gab's selten. So weit geht die Vermarktung des Camino/Jakobweges zum Glück noch nicht. Dabei denke ich, viele entlang des Weges leben auch von den Pilgern.


12 Kilo drücken
bis zur nächsten Herberge
am Anfang des Wegs.

Bei einem ist’s trüb
beim anderen brennt die Sonne,
du trägst dein Paket

Die Buschwindröschen
und Mohn bedrängen den Weg
entlang der Mauer.

Nach dem Regenguss
duftet der Pinienwald.
Frisch der junge Tag.
Der Pilgerführer „Der Weg ist das Ziel“ warnt vor dem wasserlosen 12,5 km Weg Villamayor de Monjardin nach Los Arcos. Nach der Tour, die ich nicht so schlimm fand, übernachtete ich und machte mich auf den Weg nach Viana.

Schaue weit nach vorn,
schätze die Risiken ab,
nimm die vor dir an.

Wer auf dem Pfad bleibt,
geht auf bekannten Wegen
finde zu ihnen.

Mein Pilgerbuch ließ ich wie überall wo es möglich war stempeln.

Montag, 15. Mai 2006

Gedichte zum Jakobsweg 2006

Gedichte und Gedanken zum Camino 2006/1 auf der Wanderung

Wanderung über den Jakobsweg 2006

I.

Zwischen- Vorbemerkungen zu den Tagesgedanken
in japanischer Versform
*****15. Mai 2006*****

Im Mai 2006 machte ich mich erneut auf der gleiche Flugroute allein nach Spanien auf. Im Gegensatz zur ersten „Schnuppertour“ ging’s durch zum letzten Endpunkt Estella, das heißt von Bilbao-Airport mit dem Zubringerbus zum Stadtbusbahnhof, dort stieg ich um in den Bus nach Pamplona, von da ging’s gleich weiter nach Estella. So kam ich am Flugtag ohne Zeitverlust zum neuen Startort. Dort übernachtete ich im alten Hotel.

Vor dem Abflug in Leipzig

Herrlich das Lila,
prächtig die Fliederblüten,
über der Parkbank.

An Rapsfeldern stehn
einige Bienenstöcke,
drüber ein Flieger.

Probleme schrumpfen
wenn der OP-Tisch ansteht.
Ganz nah rückt dann Gott.
Vielfach denken wir,
wir könnten Schicksal lenken.
Im Dunst bleibt der Weg.

Wieder begleitete mich der Notizblock. Die Gedanken vor dem Abflug in Leipzig fanden sich als erste ein. Die Parkbank vor einem Krankenhaus animierte, später am Abend die spanischen Busbahnhöfe. Sie sind praktisch, mit Schaltern, Toiletten, Schließfächern und Kiosken eingerichtet. Unter deren Dachverstrebungen gurrten, geschützt vor Wind und Wetter, Tauben. Wer achtet schon auf die? Ich beobachtete das, sah mir andere Wartende an, schaute in deren Gesichter, überlegte, warum die Pilger wohl den Weg gingen, welche Motive sie hatten. Vielleicht religiöse? Wollten sie eine Herausforderung annehmen, wollten sie einfach nur ausbrechen, abschalten? Viele Einzelwanderer gab’s, auch Gruppen, kaum Pärchen, wohl ältere Ehepaare. Manche Einzelwanderer fanden sich unterwegs und gingen, wenn sie miteinander zurecht kamen, eine Strecke oder mehrere gemeinsam weiter. Bei allen Unterhaltungen stellte ich fest, dass die Beweggründe der Einzelnen völlig unterschiedlich sind. Eins verbindet alle, der Weg, seine Schwierigkeiten, seine Herausforderungen, seine Höhepunkte, seine Quälereien. Und, die gleiche Richtung.


Von Pamplona nach Estella

Auf dem Glasdach sitzt
weiß klecksend eine Taube.
Geschafft der Nestbau.

Weiß ist die Taube,
die im Busbahnhof nistet.
Dort, im nirgendwo.

Krümel des Baguettes
unter einer Wartebank
werden weggepickt.

Die Flugentfernung
schafft eine Distanz im Raum -
doch keine Trennung.

Ein Ehepaar fiel mir in Pamplonas Busbahnhof wegen ihrer schweren Rucksäcke auf. Ich begegnete ihnen im Laufe meiner Wanderung dann noch mehrfach. Sie hieß Josefine und Francois. Lustig waren die zwei, etwas jünger als ich, aber schon Rentner. Zum Schluss gaben die beiden Franzosen vorzeitig wegen einer Krankheit von ihr auf. Dabei hatten sie vor – im Gegensatz zu mir – durchzulaufen. Sie legten die Strecke von Pamplona nach Estella mit dem Bus zurück. Einen Bus nutzen viele Pilger mal zwischendurch, obwohl die meisten behaupten, sie würden ganz durchmarschieren. Das mag bei einigen stimmen. Doch wenn Pilger kaputt sind, lassen sie sich gerne mal fahren.

Die Erwartungen,
Die nicht eintreten, beschwern.
Was kommt, ist bestimmt!

Den sicheren Fuß
kann ein winziges Steinchen
zum Stolpern bringen.